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Ein Rekordkrisenjahr
Bomben, die in Wohnblöcke einschlagen, Drohnen im NATO-Luftraum und brutale Kämpfe in der Ukraine und im Nahen Osten – all das ist nur noch einen Griff in die Hosentasche entfernt. TikTok, Instagram und Co. haben dafür gesorgt, dass sich der Krieg in unsere Handydisplays einbrennt. Zudem war 2025 ein Rekordkrisenjahr. Der Geodatenanbieter „Michael Bauer International“ registriert in seiner „Sicherheitsbilanz 2025“ insgesamt 1.450 globale Konflikte. Ein Negativrekord, der ausgerechnet mit dem achtzigsten Jubiläum des Endes des Zweiten Weltkriegs zusammenfällt.
Kriegsberichterstatter*innen haben also beide Hände voll zu tun. Eine davon hält inzwischen immer häufiger ein Smartphone, im Versuch, neben den Ereignissen vor Ort auch die Bilderflut auf den sozialen Medien im Auge zu behalten.
Russisches Roulette
1.300 dieser Konflikte werden jedoch gar nicht mit Waffengewalt ausgetragen. Es handelt sich dabei um Säbelrasseln, wirtschaftlichen Druck oder politische Blockaden. Trotzdem gilt: Auch diese Konflikte müssen genau beobachtet werden, denn sie können schnell eskalieren. Einer der bekanntesten Österreicher, der sich genau das zur Lebensaufgabe gemacht hat, ist Christian Wehrschütz. Er ist ORF-Korrespondent für den Balkan und die Ukraine und ein erfahrener Kriegsberichterstatter, der bereits das Ende des Jugoslawienkriegs miterlebt hat. Dabei bezeichnet er sich selbst gar nicht als Kriegsberichterstatter – Korrespondent für ein Land, in dem seit dem 24. Februar 2022 Krieg herrscht, treffe es besser, sagt er. Seine Arbeit beinhaltet demnach weit mehr, als nur von Krieg und Zerstörung zu berichten. Trotzdem gehört es zu seinem Alltag, sich regelmäßig die Splitterschutzweste überzustreifen, den Helm aufzusetzen und dorthin zu fahren, wo die Bomben einschlagen. Und dabei ist auch er selbst bereits zur Zielscheibe geworden, wie Christian Wehrschütz erzählt.
Einschüchterung durch Todesgefahr
Der Drohnenangriff auf Christian Wehrschütz am 08. November 2025 ist alles andere als ein Einzelfall. Allein im letzten Jahr sind 67 Journalist*innen getötet worden. In der Ukraine mussten seit Kriegsbeginn insgesamt 142 Medienschaffende ihr Leben lassen, wie aus dem Bericht der Nachrichtenagentur „Ukrinform“ hervorgeht. Journalist*innen würden bewusst von den russischen Streitkräften anvisiert, heißt es dort. Das sei Einschüchterung durch akute Todesgefahr. Todesgefahr birgt auch der Krieg zwischen Israel und der Hamas: Zahlen aus dem Jahr 2025 besagen, dass seit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 über 200 Berichterstatter*innen durch Vergeltungsschläge des israelischen Militärs getötet wurden.
Wirtschaftliche Grundlage unter Beschuss
Moderne Kriegsberichterstattung hat mit weit mehr zu kämpfen als nur mit den Gefahren für Leib und Leben. Auch finanzielle Engpässe machen aufwendige Korrespondententätigkeit zunehmend schwieriger. Im vergangenen Jahr sind über ein Drittel der in Österreich gezahlten Werbeausgaben an digitale Player, wie Google, Meta und TikTok, geflossen. Klassische Medien haben im selben Zeitraum ein Minus von 7 Prozent verzeichnet. Diese wirtschaftliche Schieflage zu Gunsten sozialer Medien sorgt dafür, dass Medienhäuser weltweit den Gürtel enger schnallen müssen. Denn Sicherheitspersonal, Ausrüstung und Ausbildungen retten Leben, kosten aber viel Geld. Petra Ramsauer weiß um diesen Sparzwang und sieht darin eine Gefahr für die Berichterstattung vor Ort. Ob Afghanistan, Syrien, Ägypten, oder Libyen: Die freie Journalistin berichtet seit vielen Jahren hauptsächlich aus dem Nahen Osten.
Neue Möglichkeiten
Die Rolle der sozialen Medien wird gesellschaftlich immer größer. Laut dem aktuellen Digital News Report, der am 16. Juni erschienenen ist, nutzen 40 Prozent der Österreicher*innen sozialen Medien mindestens einmal pro Woche, um Nachrichten zu konsumieren. Bei den 18- bis 24-Jährigen sind es sogar über 60 Prozent. Der Einfluss dieser Plattformen auf den Journalismus bleibt enorm. Kaum ein Medienunternehmen kann es sich heute leisten, seine Inhalte nicht auch über soziale Medien zu vermarkten. Gleichzeitig bieten die Plattformen Journalist*innen nie dagewesene Möglichkeiten, insbesondere bei der Recherche. Der Zeithistoriker, Jurist und Medienethiker Luis Paulitsch sieht vor allem darin eine entscheidende Chance für Kriegsberichterstatter*innen. Diese hätten nun die Möglichkeit Inhalte für ihre Berichte zu recherchieren, ohne selbst in den besonders gefährlichen Zonen vor Ort sein zu müssen.
„Newsfluencer“
Die sozialen Medien haben dazu geführt, dass die in Fachliteratur vielzitierte „Gatekeeper-Rolle“ des Journalismus zunehmend aufgeweicht wird. Die Vorstellung, dass Journalist*innen das Tor zur Öffentlichkeit bewachen und darüber entscheiden, welche Nachrichten durchkommen und welche nicht, ist spätestens seit der großen Welle sogenannter „Newsfluencer“ auf TikTok, Instagram und Co. nicht mehr haltbar. Diese haben jedoch oft weder eine journalistische Ausbildung durchlaufen, noch sind sie journalistischer Ethik verpflichtet. Damit werden die sozialen Medien zu einem wahren Nährboden für Falschinformationen. Die Aufgabe professioneller Journalist*innen ist es, durch dieses unübersichtliche Feld zu navigieren und zwischen Propaganda, parteiischen Berichten und manipulierten Bildern die für ihr Publikum relevantesten Informationen herauszupicken.
Check, Re-Check, Double-Check
Egal ob im Krieg oder in den sozialen Medien: Quellenverifizierung im Journalismus verläuft nach dem Prinzip, das der legendäre ORF-Journalist Hugo Portisch geprägt hat: „Check, Re-Check, Double-Check.“ Jüngste Forschungsergebnisse zeigen, dass im heutigen Redaktionsalltag, insbesondere in der Kriegsberichterstattung, dafür oft keine Zeit bleibt. Dass Nachrichten möglichst aktuell sein müssen, steckt bereits im Begriff „News“. Die sozialen Medien haben diesen Aktualitätsdrang noch einmal deutlich erhöht. Andererseits stehen Journalist*innen heute zahlreiche technische Hilfsmittel zur Verfügung. Von der umgekehrten Bildersuche, beispielsweise von Google, über Tools zum Aufdecken von Metadaten – also Informationen darüber wann, wo und mit welcher Kamera das Video aufgenommen wurde – bis hin zu Filtern zur Erkennung von KI-generierten-Inhalten, existiert bereits eine breite Palette. Redaktionen setzen für diese Arbeit mittlerweile vermehrt auf eigens dafür zuständige Faktencheck-Teams. Wie herausfordernd solche eine Bildverifikation dennoch sein kann, zeigt das folgende Fotoquiz.
Die Macht des Algorithmus
Auch die Frage, welche Kriege, welche Sichtweisen und welche Opferbilder gezeigt werden, liegt im Zeitalter der sozialen Medien nicht mehr ausschließlich in den Händen professioneller Journalist*innen. Worüber früher in Redaktionen hitzig diskutiert wurde, entscheiden heute zunehmend Plattformen und ihren Algorithmen. Diese mathematischen Entscheidungsverfahren wirken auf den ersten Blick neutral und objektiv, dabei kann schnell vergessen werden, dass Algorithmen auch von Menschen programmiert wurden – und die sind nun mal subjektiv. Bei der Programmierung steht in den seltensten Fällen das Ziel eine möglichst ausgewogene, vielfältige Öffentlichkeit in den sozialen Medien zu erschaffen, an erster Stelle. Auch Plattformbetreiber folgen wirtschaftlichen Interessen. Sie verdienen Geld mit Werbeanzeigen und dabei ist die Aufmerksamkeit der Nutzer*innen das wichtigste Kapital. Je länger Nutzer*innen auf den Plattformen bleiben, desto mehr Werbungen können ausgespielt werden. Algorithmen favorisieren also oftmals besonders emotionalisierende Inhalte, was zu einem polarisierenden Klima, reißerischer Berichterstattung und zu mehr Falschinformationen in den sozialen Medien führt. Dass auch traditionelle Medienhäuser von diesem Effekt beeinflusst werden und auf Social Media reißerische Inhalte produzieren, konnte eine Studie in der in der Fachzeitschrift „Digital Journalism“ 2024 nachweisen.
@ladbible Soldier doing the Deadpool dance before GTA 6 🤣 (🎥: @ukraine.ua) #ladbible #funnyvideos #soldier #deadpool #deadpooldance
♬ Bye Bye Bye - *NSYNC
„Algospeak“
Diese Macht der Algorithmen hat zur Folge, dass Social-Media-Plattformen die Kriegsberichterstattung direkt beeinflussen. Sie entscheiden zunehmen darüber, welche Inhalte für die Öffentlichkeit sichtbar werden, und welche nicht. Vergleichsweise selten kommt es zu der drastischen Maßnahme, dass ganze Accounts gesperrt werden, oder Post heruntergenommen werden. Der Algorithmus arbeitet in den meisten Fällen bevorzugt mit einer feineren Klinge, die auf den Namen „Shadowbanning“ hört. Damit ist gemeint, dass Inhalte zu bestimmten sensiblen Themen von Algorithmen weiter unten gereiht werden und Nutzer*innen sie dadurch seltener angezeigt bekommen. Das kann sowohl einzelne Postings als auch ganzen Accounts betreffen. Dieses Damoklesschwert des Reichweitenverlusts, das allgegenwärtig über der Social-Media-Öffentlichkeit schwebt, führt dazu, dass sich die Art und Weise, wie in den sozialen Medien über Kriege gesprochen wird verändert. Das fängt beim Vermeiden von bestimmten Ausdrücken an und führt bis hin zu Selbstzensur. Diese Verstümmelung von Worten, um dem Algorithmus nicht auf seinen äußerst sensiblen Schwanz zu treten, nennt sich „Algospeak“. Ein unrühmliches Beispiel dafür ist die online häufig verwendete Schreibweise „Gen*zid“, statt Genozid, wenn beispielsweise über den Krieg in Gaza gesprochen wird.
Neue Formen der Propaganda
Die spezifischen Regeln der unterschiedlichen Plattformen unterscheiden sich teils erheblich. Der Instagram-Algorithmus ist beispielsweise besonders sensibel, wenn es um Inhalte geht, die Nacktheit beinhalten. Ist auf einem Foto eine weibliche Brustwarze zu sehen, wird es im Auftrag des Jugendschutzes, mit der Genauigkeit von Lenkraketen herausgefiltert. Das berühmte Foto des nackten Mädchens während des Vietnamkriegs, das schreiend vor einem Napalm Angriff wegrennt, wäre heute vielleicht durch den Filter des Algorithmus gefallen und hätte nie dieselbe gesellschaftliche Wirkung entfalten können. Einen deutlichen Kontrast zur Pedanterie von Meta stellen Social Media Plattformen, wie Telegram dar. Auf dieser gibt es nahezu keine Beschränkungen für Gewaltbilder. Dort findet man unzensierte Bilder von Leichen, sowie Leichenschändungen, sowie Bodycam-Videos von Soldaten, die deren „Killstreaks“ glorifizieren – damit ist das das aus dem Videospieljargon stammende Töten von mehreren Gegnern in kurzer Abfolge gemeint. Der Siegeszug der sozialen Medien geht also auch mit einem Siegeszug der Kriegspropaganda einher, welche sich in einer völlig neuen, in ihrer Brutalität bisher unerreichten Form, präsentiert.
Journalismus für den Frieden
Bei all der Gewalt, die in den „neuen Medien“ über Zuschauerinnen, Zuhörer und Leser*innen schwappt, stellt sich die Frage, wie die „alten Medien“ mit den veränderten Umständen auf den Plattformen umgehen sollten. Christian Wehrschütz wünscht sich strengere Regulierung von Hassrede im Netz und sieht als Lösung dafür eine Klarnamenpflicht. Damit hofft er die ohnehin schon hohe psychische Belastung für Kriegsreporter*innen zukünftig nicht noch weiter durch Hetzkampagnen und haltlose Vorwürfe wie „Der Wehrschütz ist ein krummer Hund“, oder „Der ist ein russischer Spion“ zu erhöhen. Luis Paulitsch bemerkt, dass die sozialen Medien einen erhöhten Wunsch nach Persönlichkeiten an den klassischen Journalismus stellen. Diesem nachzugeben könnte Berichterstattung unmittelbarer und nahbarer machen. Gleichzeitig warnt er davor, dass Kriegsberichterstatter*innen nicht selbst zu „News-Fluencern“ werden sollten. Journalistische Sorgfalt und Ethik dürfe im Wettstreit um Reichweite auf den Sozialen Medien nicht geopfert werden.
Zwischen Millionen Bildern und Perspektiven kann auch in Vergessenheit geraten, was Krieg eigentlich bedeutet: Krieg ist nicht mehr und nicht weniger als ein brutaler Konflikt, der Leid und Tod für unzählige, unschuldige Menschen bedeutet – seien es Kinder, Berichterstatterinnen oder auch Soldaten. Die Sozialen Medien haben diese Konflikte grundsätzlich verändert: sowohl wie davon berichtet wird, als auch wie sie wahrgenommen werden. Innerhalb dieser veränderten Umstände kann auch der Journalismus seine Rolle neu bewerten. Er kann sich auch auf den neuen Plattformen als ein Teil jener Kräfte verstehen, die für Lösungen dieser Konflikte einstehen, um in Zukunft dafür sorgen, dass so etwas niemand mehr erleben muss.
